Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Śantanu, der von seiner Hauptstadt Hastināpura aus nicht nur das Königreich namens Hastina regierte, sondern als Kaiser der Welt über alle Königreiche Bhāratavarṣas gebot, bog nach seinem kurzen Ausflug in den westlichen Wald wieder auf seinen üblichen Weg ein. Bald würde er die Gaṅgā wiedersehen, den heiligsten aller Flüsse. Sein Lieblingsplatz war eine schattige, kleine Anhöhe, die einen wundervollen Ausblick auf diesen segenspendenden Strom bot.

Selten verirrten sich Krokodile oder Schlangen an diese Stelle. Angelockt von Stromschnellen und Strudeln, tummelten sich dagegen häufig Delfine vor seinem Auge. Hin und wieder hatte er auch schon Wale gesehen. Stets steuerte er diese kleine Landzunge an, da diese der ideale Ort für Mensch und Tier war, um unbehelligt zu trinken, zu baden und nachzudenken.

er Reiter beschloss, heute nach langer Zeit einmal wieder ein ausgiebiges Bad zu nehmen. Ja, heute wollte er, wie in fernen Kindertagen, Candrāṁśa mit in den Fluss führen und mit ihr im Wasser tollen. Auch sein Pferd schien die Nähe des Flusses zu spüren und steigerte die Geschwindigkeit von ganz allein. Doch irgendetwas störte Śantanu, irgendetwas war heute anders. Er spürte eine Schwingung, deren Ursprung ihm aber nicht bekannt war. Er beobachtete sein Pferd, das scheinbar völlig sorglos Richtung Fluss galoppierte. Wenn dieses schlaue Pferd nicht beunruhigt war, dann musste er es auch nicht sein. Trotzdem, es lag etwas in der Luft, und – was immer es auch war – es wurde stärker.

Der Wald wurde schon erheblich lichter, es konnte nicht mehr weit sein, bis Gaṅgā ihn empfing. Plötzlich traf es ihn. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schoss ihm ein Lichtstrahl in die Augen. Sofort riss er mit seiner rechten Hand sein Schwert aus der Scheide. Mit seiner linken Hand bedeckte er seine geblendeten Augen und versuchte, mit Hilfe seiner Schenkel sein Pferd hinter ein paar Bäume zu lotsen.

Das gelang ihm zwar, aber der Strahl folgte ihm selbst hinter die Bäume. Er schien förmlich durch die Bäume hindurch zu gehen. Nein, Śantanu konnte jetzt erkennen, dass der Strahl sogar um die Bäume herum wanderte. Die Hitze dieses Strahles war so gewaltig, dass seine Hand zu schmerzen begann. Er kannte diese Art von Hitze. Genauso hatte es sich angefühlt, als er einmal in einer Schlacht gegen einen Gandharva dessen Hand berührte. Er hätte auch glühende Kohlen umfassen können.

Er musste jetzt ruhig bleiben. Zuerst galt es, die Quelle des Strahles auszumachen. Wenn er  erst einmal den Ursprung lokalisiert hatte, würde ihm schon ein Mantra einfallen, um diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Wenn nur dieses Licht nicht so gleißend wäre. Dann, von einem Moment auf den anderen, verschwand das Licht plötzlich wieder, und mit ihm die Hitze. „Bei allen Göttern, was war das gewesen?“ Śantanu wog verschiedene Möglichkeiten ab. War dies vielleicht das Werk eines Rākṣasas? Diese landläufig als Dämonen bezeichneten Wesen verfügten über vielfältige Kräfte und beherrschten allerlei Zaubertricks.

Vielleicht war er aber auch auf einen Nachfahren jenes Gandharvas gestoßen, mit dem er einst auf dem Schlachtfeld hart gerungen und ihn am Ende besiegt hatte. Die Gandharvas waren nicht nur für ihre musikalischen Talente auf den himmlischen Planeten bekannt, sondern auch für ihre Kampfeslust. Im Allgemeinen waren sie genügsam und hielten sich im Hintergrund. Aber er hatte schon von den Brāhmaṇas gehört, dass einige von ihnen manchmal aus der Art schlagen. Dann kommen sie gern auf die Erde und gehen keinem Streit aus dem Wege. Außerdem war bekannt, dass sie es überhaupt nicht ausstehen konnten, dass sie von Erdlingen gestört werden, während sie sich amourösen Spielen hingaben.

„Das könnte es sein“, dachte Śantanu, „sie kommen in letzter Zeit nicht mehr so oft auf die Erde, und sie kommen immer nur zu ausgewählten Plätzen. Vielleicht fühlten sie sich durch mich gestört!“ Śantanu lag nichts an einem Kampf. Andererseits war er der König und musste wissen, was in seinem Reich vorging. Abgesehen davon schrie seine verbrannte Hand nach Abkühlung. So beschloss er, sofort weiter zu reiten. „So schlimm wird es schon nicht werden“, beruhigte er sich, „bisher hat mich der Höchste noch aus allen Gefahren befreit.“

Doch er wollte wachsam bleiben. In seiner rechten Hand hielt er weiter sein Schwert, seine linke Hand lag, angekohlt und stark schmerzend, auf dem Rücken des Pferdes. sei Dank, musste er die Zügel nicht halten, denn Candrāṁśa wusste, wohin er wollte. Jetzt tadelte er sich dafür, dass er weder Pfeil und Bogen noch sein berühmtes langes Schwert mit sich genommen hatte. Außer dem kurzen Schwert hatte er nur noch einen Dolch bei sich.

In vorsichtigem Galopp näherten sich Ross und Reiter dem Fluss. Mahārāja Śantanu war nun ganz Krieger. Jede Faser seines Körpers war angespannt und auf einen Kampf vorbereitet. Seine Augen hatten sich zu einem kleinen Schlitz verengt, seine Ohren lauschten auf jedes ungewöhnliche Geräusch, durch seine Nase sog er die Luft tief ein und seine Haut wartete auf jede ungewöhnliche Kleinigkeit, um sie sofort zu melden. Einzig seine Zunge schien nicht zu funktionieren. Wenngleich er dem Lichtstrahl nur kurz ausgesetzt war, hatte die für einige Sekunden fast unerträgliche Hitze sie völlig ausgetrocknet.

Er musste vorbereitet sein! Jeden Augenblick könnte ihm ein neuer Angriff drohen. Doch nichts geschah. Nichts war zu sehen, nichts war zu spüren, nichts war zu schmecken, nichts war zu riechen und nichts war zu hören, das seinen Argwohn geweckt hätte. Neben den Augen waren die Ohren das wichtigste Instrument in einem Kampf, denn viele Arten des Angriffes konnte man eher hören als sehen. Der König versuchte, vertraute Geräusche, wie beispielsweise sein galoppierendes Pferd, auszublenden, um sich völlig auf seine Umgebung zu konzentrieren. Aber es war nichts Beunruhigendes zu hören, absolut nichts. Nichts, außer ein paar Vögeln, die vor sich hin trällerten, als wären sie für einen Monat einem Schweigegelübde gefolgt.

Und da erkannte er es! „Natürlich“, durchfuhr es ihn, „das ist es – ich höre nichts! Ich sehe schon die Ufer der Gaṅgā und noch immer höre ich nichts – kein Rauschen, kein Plätschern, keine springenden Fische, keine schnatternden Vogelschwärme!“ Er fasste sein Schwert noch fester und vergewisserte sich noch einmal, dass sein Dolch an der richtigen Stelle saß. Ohne weiteres Zögern ließ er die Deckung des Waldes hinter sich und galoppierte auf jene Uferstelle zu, die er wie seinen eigenen Altar kannte.

Er stieg ab und führte Candrāṁśa am Zügel hinunter. Doch als er aufschaute, verschlug ihm der Anblick, den Mutter Gaṅgā ihm bot, den Atem. „Das ist einfach nicht möglich!“, sprach er laut vor sich hin, „ich muss das Opfer einer Illusion sein. Ich kann nicht glauben was ich da sehe. Was um der Götter willen ist hier geschehen?“

Der Regent der Erde sah einen Fluss vor sich, der fast vollständig ausgetrocknet war. In einigen Metern Tiefe, am Grund des Flussbettes, war noch etwas Wasser, das aber kaum ausreichte, um die unzähligen Fische noch lange am Leben zu erhalten. Zappelnd und nach Luft schnappend kämpften sie den Todeskampf. Śantanu konnte sich nur wundern und sprach zu sich: „Noch bevor die Sonne ihren Zenit erklimmt, werden sie alle elendig gestorben sein!“

Der Fluss erschien wie eine bunt schillernde Strasse auf die himmlischen Planeten. Die silbrig schimmernden Fischleiber lagen dicht gedrängt nebeneinander und bildeten so eine Art Teppich, auf dem die bunten Muscheln und Korallen wie kostbare Stickereien wirkten, die man in einem nicht erkennbaren Muster aufgebracht hatte.

Krebse verließen in Scharen das Wasser und Krokodile hielten ein Festmahl nach dem anderen. Wenn Sie mit ihren weit aufgerissenen Mäulern durch den Fischteppich schwammen, erinnerten sie an eine Axt, die in einem Dschungel eine Schneise der Verwüstung hinter sich lässt. Zwei Delfine hatten sich in eine kleine Bucht gerettet, die etwas tiefer gelegen war und einem Krater ähnelte. Diese schlauen Tiere mussten mehr als zwei Meter hoch gesprungen sein, um die Wände des Kraters zu überwinden. Aber auch dort würden sie nicht mehr lange überleben können.

Langsam wich Śantanus Bestürzung seiner Entschlossenheit, dem Problem auf den Grund zu gehen. Wer um alles in der Welt sollte in der Lage sein, diesen gewaltigen Fluss aufzuhalten! So etwas war in der Vergangenheit lediglich dem großen Mahādeva gelungen. Nur Śiva war solch ein Kunststück zuzutrauen. Vor wem, abgesehen von Śiva und natürlich Viṣṇu, sollte sich Gaṅgā verneigen müssen und sich in ihrem Lauf hindern lassen? Śantanu packte die Zügel seines verdutzt dreinschauenden Pferdes, führte es wieder die Böschung hinauf und preschte flussaufwärts.

Natürlich war Śantanu tief besorgt. Es ging hier um das Leben von Tausenden, ja Millionen von Lebewesen. Dabei machte es überhaupt keinen Unterschied, ob Menschen, Tiere oder Pflanzen betroffen waren. Jedes einzelne Lebewesen war ein Bürger seines Landes und für jedes war er verantwortlich. Wasser war eines der acht Hauptelemente des Universums, es war das Symbol für Leben schlechthin. Trotzdem, eine innere Stimme sagte ihm, dass keine Gefahr drohe. So spürte er neben seiner Besorgnis eher Neugier als Angst, eher Vorfreude als Wut.

Er fand sogar die Zeit, sich wieder an sein Pferd zu erinnern. Er spürte plötzlich wieder dessen Verwunderung, auch wenn Candrāṁśa ohne Mühe am Ufer entlang galoppierte und geschickt allen Hindernissen auswich oder sie übersprang. Śantanu tätschelte den Hals seiner alten Freundin. Beide kannten sich in und auswendig. Mit diesem edlen Pferd hatte er schon gesprochen, als es noch im Leib seiner berühmten Mutter Rajanī lag, „Keine Angst“, versicherte der Mensch dem Pferd, „wir haben nichts zu befürchten. Ich weiß es. Achte du nur auf den Weg, um alles andere werde ich mich kümmern.“ Candrāṁśa begriff sofort, dass der König direkt zu ihr gesprochen hatte und wackelte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, ein wenig mit den Ohren.

Schon nach wenigen Minuten hörte Śantanu endlich jenes Rauschen, dass ihm so vertraut und lieb war. Und da sah er auch schon Wellen, die sich unter dem Licht der Sonne aalten, aber auch widerwillig gegen ein Hindernis stießen. Etwas staute den gesamten Fluss! „Was zur Hölle ist das denn?“, entfuhr es dem Kaiser. Umgehend schalt er sich für diese unziemliche Bemerkung. So sollte kein Landesvater sprechen, so sollte überhaupt keiner sprechen, der zu den drei Ständen gehört, die auch als die dvijas, die Zweimalgeborenen, bekannt sind.

Seine weisen Lehrer hatten ihm immer wieder erklärt, dass es eine der wichtigsten Eigenschaften eines Herrschers ist, mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn abgesehen von den Heiligen und den Brāhmaṇas, war die Stellung des Königs in einer Gesellschaft die Bedeutendste. Das Volk würde sich natürlicherweise immer an einem Regenten orientieren und seinem Beispiel folgen. Trotzdem, allzu besorgt über seinen verbalen Ausrutscher war Śantanu nicht. Denn was er da vor sich sah, war einfach unglaublich. Was sich bis einige Meter über der Wasseroberfläche vor ihm auftürmte, war ein... Was war das eigentlich? Er saß ab, um sich das Ungeheuer näher anzuschauen. Außerdem stampfte Candrāṁśa schon leicht ungehalten, wollte sie doch endlich das belebende, kühle Nass in gierigen Schlucken saufen.

Er ließ die Zügel frei. Um dieses kampferprobte Ross musste er sich nicht kümmern. Candrāṁśa würde wie immer erst genüsslich saufen und dann die Blüten der Bäume und die Wiesen inspizieren, als wäre sie das erste Mal in ihrem Leben an diesem Ort. Obwohl ..., Śantanu musste zugeben, dass sie heute wahrscheinlich tatsächlich zum ersten Mal diesen Teil des Ufers erforschten.

Der König schaute noch einmal um sich. Von keiner Seite schien Gefahr zu drohen. Er trat etwas näher an das Ufer heran und betrachtete voller Bewunderung das Gebilde vor sich. Was er sah, war ein Staudamm! Aber zweifellos war dieser nicht auf natürliche Weise entstanden. Denn wie er jetzt feststelle musste, bestand das gesamte Werk ausschließlich aus Pfeilen. Nicht einmal eine Spur von Gras oder Lehm oder einem anderen Bindemittel war zu sehen, nur ein Pfeil neben dem anderen! Diese Pfeile waren so fachmännisch ineinander verkeilt, dass über die gesamte Länge des Staudamms nicht ein einziger Wassertropfen hindurch drang! Vom Grund des Flusses bis zur Spitze der Wand mussten es mehr als zehn Meter sein! Und da die Gaṅgā an dieser Stelle mehrere hundert Meter breit war, berechnete Śantanu, das diese Staumauer aus Millionen von Pfeilen bestehen musste.

Was für ein Kunstwerk! Bei allem Unmut über die Schwierigkeiten, die viele seiner Bürger aufgrund des Wassermangels gerade erlitten, musste er doch auch die unvergleichliche Leistung bewundern. Er kannte niemanden auf diesem Planeten, der die Fähigkeiten zu solch einer Tat besaß. Er selbst war ein berühmter Bogenschütze, und ihm war schon manch spektakulärer Schuss gelungen. Aber solch eine Perfektion hatte er noch nie gesehen.

Je länger er dieses Wunder betrachtete, desto mehr war er davon überzeugt, dass dies kein menschliches Werk sein konnte. Hier mussten die Götter ihre Hand im Spiel haben. Was das wohl für Holz war? Er rückte noch etwas näher an die Mauer heran. Als er seine Hand ausstreckte und gerade kurz davor war, die Pfeile zu berühren, schlug, keine Handbreit entfernt, ein Pfeil vor ihm ein. Śantanu fuhr zurück und hatte sofort sein Schwert in der Hand. Er erschrak, nicht nur wegen des Pfeils, sondern vor allem, weil, sehr zu seiner eigenen Verblüffung, sein Ohr, das er aufgrund jahrelangen Trainings und unzähliger Schlachten für bestens geschult hielt, den Pfeil nicht angekündigt hatte.

Endlich! Endlich zeigte sich der Feind. Für den Kampf war Śantanu geboren, und für einen guten Kampf war er sogar bereit zu sterben. Zu kämpfen war seine Natur, zu kämpfen war sein Lebenselixier. Es war sein Dharma, seine Aufgabe, die er unter allen Umständen zu erfüllen hatte. Da stand er also, da stand der Unbekannte! Der König musste seine aufkommende Kampfeslust zügeln, denn noch konnte er nicht mit Gewissheit sagen, ob es Freund oder Feind war. Der Pfeil war offensichtlich mit Absicht neben seiner Hand eingeschlagen. Śantanu war sicher, dass ihn der Andere hätte mühelos treffen können. Außerdem war es ein üblicher „Willkommensgruß“ unter Kṣatriyas, sich auf diese Weise vorzustellen.

Er ließ das Schwert zurückgleiten und blinzelte zum anderen Ufer hinüber. Da Śantanu  direkt in die Sonne schauen musste, konnte er nur die Umrisse des Fremdlings sehen. Aber er sah deutlich den großen Bogen und den Köcher, der randvoll mit Pfeilen war. Auf der anderen Seite des Ufers stand zweifellos ein Kṣatriya.

 
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