Von den sechs Menschen, die sich auf dem nobelsten aller königlichen Fahrzeuge befanden, waren zwei völlig verwirrt, drei vollkommen glücklich und einer sich unsicher, ob er eher vor Freude oder vor Schmerz weinen sollte. Alle aber wussten, dass sie Hastināpura in großen Aufruhr versetzen würden, sobald sie die Stadttore passiert hätten.
Ab heute würde die Stadt nicht mehr die Gleiche sein, das war klar. Nicht einmal Bhīṣma konnte voraussehen, was genau sich alles ereignen würde, aber das Leben im Königreich würde sich ab heute ändern.
 
Der Kutscher, der alte Viśvanātha, Enkel Viśvarūpas und Sohn Viṣṇumūrtis, dessen gesamte Vorfahren einen Namen trugen, der mit „Viṣ“ begann, und sein Gehilfe Rāmarañjana waren verwirrt. Sie hatten erkannt, dass es sich bei den zwei Gästen, die jetzt neben dem Prinzen im Wagen saßen, um einen Fischer und seine Tochter handelte. Der Fischer roch so unangenehm, wie Fischer eben riechen, während seine Tochter jenen bezaubernden Duft versprühte, der ihnen, trotz der zweimaligen Zurücksendung durch Śantanu und seinen Sohn, natürlich nicht verborgen geblieben war. 
 
Dass das Mädchen neben dem Königssohn auf dem Wagen saß, mochte ja noch angehen, aber dass der Fischer in seinem fleckigen, triefenden Gewand dort ebenfalls geduldet wurde, war ihnen ein Rätsel. Und wie konnte ein Mensch nur solch einen Duft verströmen? Warum fuhren sie jetzt alle wieder in großer Eile zurück und was war mit Sunil geschehen, der sich unablässig Tränen aus dem Gesicht wischte?
 
Bhīṣma, Satyavatī und Matsyarāja waren in Hochstimmung. Bhīṣma fühlte sich wie ein Krieger, der mit großer List und Entschlossenheit einen bedeutsamen Sieg errungen hatte. So muss sich Rāma gefühlt haben, als er Rāvaṇa zur Strecke gebracht hatte, vermutete er. Der Unterschied war nur, dass die Frau, die Bhīṣma aus den Händen der Unehelichkeit befreit hatte, nicht an seiner Seite wandeln, sondern ganz im Gegenteil, seine Mutter werden würde. Eine Frau, die von ihrem Alter eher Bhīṣma hätte ehelichen sollen. 
 
Vermutlich hätten beide nichts gegen eine Heirat einzuwenden gehabt, doch für beide war das Thema ein für allemal erledigt. Für Satyavatī, weil sie ihr Herz an den Kaiser verloren hatte; für Bhīṣma, weil er sich entschlossen hatte, in diesem Leben überhaupt nicht mehr zu heiraten. Doch an die Auswirkungen dieser Wende seines Lebens dachte Bhīṣma im Augenblick nicht, ihm war etwas anderes wesentlich wichtiger. 
 
Während der Wagen Hastināpura entgegenpreschte, freute sich der Königssohn darauf, das Gesicht seines Vaters leuchten zu sehen. Selten zuvor hatte ein Sohn seinem Vater solch ein Opfer gebracht. Auf die Freuden amouröser Abenteuer zu verzichten, war für einen Kṣatriya so unvorstellbar, wie jeglicher Art von Macht und Einfluss zu entsagen. Die überlieferten Schriften erklären ausdrücklich, dass ein Leben ohne Familie, ohne die körperlichen Freuden der Ehe, nur Brāhmaṇas vorbehalten ist. Andere varṇas sollten sich niemals in ein lebenslanges Zölibat begeben, denn dessen Einhaltung ist für Menschen, die zu sehr von rajas und tamas beherrscht werden, ein schier unmögliches Unterfangen. Leidenschaft und Unwissenheit sind unüberwindliche Hindernisse auf dem Weg der völligen Enthaltsamkeit.
 
Auch wenn Bhīṣma viele Eigenschaften eines Brāhmaṇas hatte, so war er doch viel zu gern ein Kṣatriya. Und dass ein Kṣatriya sich freiwillig das Zölibat auferlegte, das hatte man wahrlich noch nie gehört. Zwar gab es das Beispiel des großen Königs Viśvāmitra, der nach einer bitteren Niederlage gegen den Brāhmaṇa Vasiṣṭha einst beschloss, auch ein Brāhmaṇa werden zu wollen. Aber Viśvāmitras Fall lag gänzlich anders. Er war zum Zeitpunkt seines folgenschweren Entschlusses kein Jüngling mehr gewesen. Er regierte bereits seit vielen Jahren ein Königreich und hatte einhundert Söhne gezeugt. Ihm fiel der Verzicht dadurch wesentlich leichter. Abgesehen davon kostete Viśvāmitra die Erfüllung seines Wunsches die Stufe eines brahmarṣis, der höchsten Stufe unter den Brāhmaṇas zu erreichen, Tausende und Abertausende von Jahren. Mehrmals musste er sich auf seinem Pfad der Askese verführerischen Frauen geschlagen geben und seine Entsagungen wieder von vorn beginnen.
 
Viśvāmitra musste immer wieder aufs Neue schmerzlich erfahren, dass nur Brāhmaṇas in der Lage sind, kraft ihres Wissens und ihrer Entsagung die Genüsse, die Kāmadeva anbietet, durch einen höheren Genuss zu ersetzen. Nur sie kennen die Kunst, nicht an der Verzweiflung über versäumte Sinnesfreuden zu scheitern und sich damit in die Gefahr zu begeben, den Sinnen in unkontrollierter Art und Weise Erleichterung zu verschaffen. Kandarpas Pfeile dringen tief in das Lebewesen ein und von ihnen verwundet zu werden, bleibt niemals unbemerkt. Niemand kann den Zauber des anderen Geschlechts ignorieren, niemand kann den Kuppeleien des Liebesgottes entkommen.
 
Außer den Brāhmaṇas gab es natürlich auch noch die Vaiṣṇavas, denen es gelingen konnte dem Anflug von Kāmadevas Pfeilen gelassen entgegen zu sehen. Denn für diejenigen, die in dem Nektarmeer der Liebe zu Rāma, der Quelle aller Freude, baden, bilden diese Ekstasen der Liebe zu Viṣṇu einen unsichtbaren Schutz für die verletzliche Haut des Lebewesens. Dann können die Pfeile des Liebesgottes nicht mehr unbarmherzig in den Eingeweiden des Verletzten wühlen, dann berühren sie die Seele nur noch wie ein zarter Hauch. So wie ein Elefant mit einer Blumengirlande gepeitscht wird und diese unbedeutende Belästigung gelassen zur Kenntnis nimmt, so kann die Seele, die sich mit dem Reservoir unendlicher Freude, mit Rāmānanda, verbunden hat, allen Verlockungen, mit denen die materielle Natur sie vor sich her treiben will, lächelnd gegenüber treten. 
 
Jeder wusste, dass ein Kṣatriya ein solches Gelübde nur auf sich nehmen kann, wenn er von Nārāyaṇa oder seinen Geweihten eine besondere Gnade empfangen hat. Gaṅgā hatte offensichtlich ihren Sohn mit ihrem Wohlwollen so großzügig überschüttet, dass er solch einen Eid seinem Vater zu Füßen legen konnte. Wahrlich, Bhīṣma war in Hochstimmung. 
 
Doch auch Satyavatī war wunschlos glücklich. Sie war froh, dass sie nun endlich in den Stand der Ehe treten würde. Sie liebte Śantanu, sie würde ihm treu zur Seite stehen, sie würde versuchen, ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Sie würde ihm Söhne schenken und sich um das Wohl der Prinzen kümmern. Alles war wunderbar, alles war vollkommen. 
 
Sie würde im Palast der Kaiserin wohnen. Viele gelehrte und weise Menschen würden um sie sein. Unzählige Diener und Dienerinnen würde sie befehligen. Keine anstrengenden Floßfahrten würde sie mehr leisten müssen. Und, Viṣṇu sei Dank, das Wichtigste: endlich würde sie diesen Fischgestank nicht mehr ertragen müssen. Nie hatte sie ihrem Vater verraten, wie sehr sie unter diesem Geruch litt, insbesondere seit dem Tag, seit dem sie selbst so lieblich duftete. Nie hatte sie sich beschwert oder ein anderes Haus, eine andere Insel oder einen anderen Dienst erbeten. Sie würde einen stattlichen Mann heiraten, der vielleicht einige seiner besten Jahre schon hinter sich hatte, aber immer noch stark, gut aussehend, charismatisch und mächtig war. 
 
Vor ihrem geistigen Auge erschienen plötzlich alle Arten von Genüssen. „Kostbare Kleider werden mein Eigen sein, Schmuck in allen Variationen, Farben und Größen. Erlesene und raffinierte Speisen werden mir jeden Tag zubereitet werden. Endlich werde ich auch gleichaltrige Freundinnen finden. Bei aller Liebe zu meinem Vater – das Leben auf der Insel war ziemlich eintönig gewesen. Nur mit Fischen konnte ich mich unterhalten, und mit meinen Eltern, und später sogar nur noch mit meinem Vater. Hin und wieder einmal einen Fahrgast über den See bringen war schon fast alles an Abwechslung, das mir gegönnt war. Aber ich will nicht undankbar sein, es ist, wie es ist. Es kommt alles, wie es kommen soll. Das Leben ist ein ständiger Fluss und diese Insel war nun einmal die Stelle, an die mich Viṣṇu befohlen hat. Alles war im Werden, alles wird, alles wird im Werden sein. Und so ist es gut.“
 
Satyavatī ahnte, dass es mit der Beschaulichkeit ihres Lebens ab heute vorbei war. Jetzt würden die Menschen zu ihr aufschauen, sie verehren, sie hofieren, sie vielleicht auch fürchten. Satyavatī Maharani wollte eine gute Monarchin sein, sie wollte, dass sie von den Menschen geliebt wird und dass ihr Volk glücklich ist. Das Volk wird ihr von jetzt an zujubeln und die Fischer, so vermutete die zukünftige Kaiserin lächelnd, würden wahrscheinlich jeder zweiten Tochter ihren Namen geben.
 
Und Matsyarāja war einfach nur zufrieden. Er saß im ratharāja, diesem Wunderwerk der Zimmermannskunst. Er saß neben seiner Tochter, deren Hochzeit er bald feiern würde. Er saß neben Devavrata, dem berühmten Prinzen und sagenumwobenen Sohn der Gaṅgā. Was war dieser Devavrata doch für ein prächtiger Krieger und was für ein ehrfurchtgebietender Mensch. Er war eine ganz besondere Seele und – er war gewissermaßen sein Enkel. Der Vater einer Fischerstochter, den man bald nur noch Vater einer Königin nennen würde, musste innerlich lachen. „Devavrata wird mein Enkel werden! Daran hätte ich nicht in meinen kühnsten Träumen zu denken gewagt. Nein, nicht Devavrata darf ich ihn in Zukunft nennen, nur noch Bhīṣma, derjenige, der ein unglaubliches Gelübde auf sich genommen hat. 
 
Was für ein Sohn! Was für eine selbstlose Hingabe! Śantanu kann sich wahrlich glücklich schätzen. Und wo werde ich in Zukunft wohnen?“ An dieses Problem hatte der Fischer noch nicht gedacht. „Na, mal abwarten. Ich schau’ mir das mal an im Palast. Mal sehen, wie die Zimmer und die Betten sind. Und wenn mir das Ganze zu bunt wird, gehe ich einfach wieder auf meine Insel. Da hab’ ich meine Ruhe, und dann kann mir die Großstadt gestohlen bleiben.
 
Aber vielleicht braucht mich ja auch meine Tochter. Wie man weiß, gibt es überall dort, wo Macht ist, auch Neider und Intriganten. An diesen Königshöfen lauern überall Hyänen, die ein paar Brotkrumen der Macht erheischen wollen. Deshalb halten sich die schlauen Brāhmaṇas von solchen Orten fern, wann immer es geht. Jemand, der seine eigene Seele berühren will, und der letztendlich die höchste Seele, Anantadeva, treffen will, umgibt sich nicht gern mit dem Zählen von Ländereien und Goldstücken.
 
Viṣṇu möge mich davor beschützen, nein, das wäre kein Leben für mich. Aber wenn sie mich braucht, bleibe ich natürlich in ihrer Nähe. Nun, wir werden sehen. Jetzt wird erst einmal ein paar Tage gefeiert! Wenn das nur ihre Mutter noch miterlebt hätte. Schade, wirklich schade, aber Yamarāja hatte anscheinend andere Pläne mit ihr.“
 
Während also Matsyarāja, Satyavatī und Bhīṣma in freudiger Erwartung schwelgten, war einzig Sunil nicht gewillt, in dem gleichen Ozean der heiteren Zuversicht zu schwimmen. Einerseits freute er sich für seinen König, dass dieser erneut heiraten würde und dass die neue Herrscherin so schön und anmutig war. Und ihr Aroma würde bald das Stadtgespräch und in aller Munde sein. Aber andererseits war der Preis für diese frohen Ereignisse der endgültige Verzicht Devavratas auf den Thron. 
 
Wenn Sunil ehrlich war, ging es ihm weniger darum, ob Devavrata nun der neue Regent würde oder nicht. Ihm war wichtig, dass er in Hastināpura bleibt, und das hätten die königlichen Würden zwangsläufig erfordert. Doch jetzt wuchsen in dem alten Diener die Zweifel, ob sich der bisherige Prinzregent noch weiter dem Dienst am Hofe verschreiben wird. Denn Devavrata hatte neben all seinen vortrefflichen königlichen Eigenschaften auch dieses starke Bestreben, sich aus der Umklammerung des Alltags zu befreien, sich ausschließlich dem Yoga zuzuwenden, sich ausschließlich dem Herrn allen Yogas, sich Yogeśvara zuzuwenden. Die Position des Prinzregenten würde ihn nun nicht mehr an die Hauptstadt binden. 
 
„Was habe ich nur getan!“, jammerte Sunil leise vor sich hin, als das komfortable Gefährt des Königs unaufhaltsam der Stadt entgegen ratterte. „Ich war es, der den Prinzen zu dieser Insel geführt hat. Hätte ich doch bloß nichts gesagt! O Divya, das habe ich nicht gewollt. O Gaṅgā, ich kann nichts dafür. O Tripathagā, dein Sohn hat mich gezwungen. O Bhāgīrathī, bitte verzeih mir. O Mandākinī, zürne mir nicht, ich bin doch nur ein Werkzeug in der Hand des allmächtigen Herrn. Alles bewegt sich unter seiner Führung. Was sollte ich schon gegen den Plan Acyutas ausrichten können? 
 
Nein, nein! O Mutter Jāhnavī, was habe ich nur getan! O Bhīṣma-jananī, o edle Mutter Bhīṣmas, wirst du mir vergeben? O Rāmadūtahanumān, du bist mein Guru und wohlmeinender Freund, wirst du mich verstehen? O Viṣṇupriyā, ehrenwerte Frau meines Meisters, bitte besänftige deinen Mann, falls er ungehalten über mich sein sollte. O Bhūmipati, mein geliebter Bruder, der du mich vor vielen Jahren an den Hof Pratīpas geschickt hast, du wenigstens musst doch Verständnis für mein Handeln zeigen!
 
Ich habe versucht, meine Pflicht als verschwiegener Diener des Königs zu erfüllen. Aber wer soll dem Charme und den Argumenten dieses jungen Gottes namens Devavrata denn widerstehen können! Ich bin ein alter Mann und verehre seine Mutter seit meinem dritten Lebensjahr jeden Tag. Seit mehr als einhundertfünfzig Jahren habe ich es nie versäumt, nicht an einem einzigen Tag, Mutter Gaṅgā zu huldigen. O Viṣṇu, du bist berühmt als Dīnabandhu, als derjenige, der selbst den Unwürdigsten noch gnädig ist. Ich bin völlig von dir und deiner Barmherzigkeit abhängig. Ich vertraue dir.“
 
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