Satyavatī wurde jäh aus ihren Erinnerungen gerissen. Die Begrüßungsfanfare der Musiker am Stadttor war einfach zu laut, als dass sie sich noch auf etwas anderes hätte konzentrieren können. Mit Hilfe ihres Verstandes wechselte sie von einem Augenblick auf den anderen den Schauplatz ihrer Aufmerksamkeit und befand sich nun direkt wieder vor den Toren der berühmten „Stadt der Elefanten“. 
Und wozu auch weiter am Ufer des Sees verweilen und an die Begegnung mit Devavrata denken, wenn er doch in voller Lebensgröße und wahrhaftig neben ihr saß? Hier spielte jetzt die Musik, und das im wahrsten Sinne des Wortes.
 
Unter den Klängen Hunderter Trommeln, Flöten und Muschelhörner durchfuhr das königliche Gespann die Schutzmauer der Stadt und folgte problemlos dem Verlauf der Straße. Die Vāsudeva-marga war, neben der Saṅkarṣaṇa-marga, der Pradyumna-marga und der Aniruddha-marga, eine der vier Hauptstraßen Hastināpuras. Alle diese großzügigen Alleen führten schnurgerade von einem der Stadttore zum kaiserlichen Palast und waren somit die vier Lebensadern der Hauptstadt des Königreiches.
 
Den ganzen Tag über flanierten die Menschen auf diesen vier Prachtstraßen im Schatten der üppig blühenden Vegetation. Die jahrtausendealten, mächtigen Bäume lieferten Unmengen an Früchten und Blumen, die von den Menschen dankbar gepflückt wurden, um sie in einem Tempel zu opfern oder sich selbst damit zu beglücken. Abends waren die schattigen Haine entlang der Alleen beliebte Treffpunkte für Pärchen jeden Alters.
 
Satyavatī schwirrte der Kopf. Es waren so viele Menschen auf den Straßen, dass ihr Stimmengewirr sogar die Geräusche des Prunkwagens übertönte. Zwar war sie nicht mehr das kleine Mädchen, das früher verwirrt und aufgeregt den Vater beim Gang in die große Stadt begleitet hatte, doch auch wenn sie inzwischen zu einer Frau gereift war, konnte sie unmöglich alle Eindrücke verarbeiten, die auf sie einströmten. Alles schien in dieser Stadt so groß, so gewaltig, so laut, so emsig.
 
„Wie ein riesiger Ameisenhaufen“, dachte die Tochter eines Fischers, die bald diese Stadt mit dem Kaiser zusammen regieren würde, „so viele Menschen wohnen hier. Lustig, wie sie alle hin und her wuseln, wie sie kreuz und quer alle durcheinander rennen. Und all diese riesigen Häuser entlang der Straße! Wozu die wohl gebraucht werden? Vielleicht wollen die Menschen alle an der Straße wohnen? Und diese mächtigen Tempel, die mit ihren Spitzen den Himmel zu berühren schienen! Musste man wirklich solch große Gotteshäuser errichten?“
 
Satyavatī konnte sich Viṣṇu sei Dank Zeit lassen, alles sorgfältig zu betrachten, was sich auf beiden Seiten der Straße abspielte. Denn ständig kamen Bürger der Stadt und übergaben dem Prinzen demütig Blumengirlanden oder Geschenke. Die Pferde bewegten sich deshalb nur im Schritttempo vorwärts und so würde es wohl noch eine geraume Zeit dauern, bis die Kutsche an ihrem Ziel ankam. Durch das ganze Stimmengewirr hindurch schnappte die mögliche neue  Kaiserin auf, dass heute ein besonderer Feiertag sei. Heute verehrten die Menschen, mehr als an einem gewöhnlichen Tag, Indra, den Anführer der Devas und Oberbefehlshaber der himmlischen Wesen. Da Indra ein Sinnbild eines Anführers ist, wurden an diesem Tag gern auch die irdischen Anführer verehrt. 
 
„Daher also all dieser besondere Pomp und außergewöhnliche Aufmerksamkeit“ verstand Satyavatī und richtete ihren Blick wieder auf die Häuser hinter den Menschenmassen. Überall sah sie Geschäfte mit prallen Auslagen an Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Getränken, Stoffen, Schmuck, Reis, Kochtöpfen, Zubehör für die Altarverehrung und auch viele andere Gegenstände, von denen sie gar nicht verstand, wofür sie nütze sein könnten.
 
Anfangs noch fasziniert von all dem bunten Treiben, entwickelte sich bei der Fischerstochter allmählich aber auch ein deutliches Unbehagen über die ganze Hektik, die ihr entgegen schlug. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie den Rest ihres Lebens inmitten dieser Aufgeregtheit verbringen musste. Doch was trieb die Menschen zu dieser Geschwätzigkeit, zu dieser Hektik, zu diesem ausladenden Jubel. Irgendetwas musste ja wohl an diesem Stadtleben dran sein, sonst würden sich hier nicht so viele Menschen aufhalten.
 
Satyavatī hatte von ihrem Vater gehört, dass es sogar noch viel mehr Menschen gab, die nach Hastināpura ziehen wollten. Die vedischen Regeln des Zusammenlebens lassen aber keine Städte zu, die mehr als ein halbes lakh an Einwohnern beherbergen. Niemals sollten mehr Menschen zusammen wohnen, denn diese Drängung führt unweigerlich zu Unübersichtlichkeit der sozialen Strukturen, zu Nachlässigkeit im Umgang der Menschen und Tiere untereinander, zu Unpersönlichkeit und sogar zu unehrenhaftem Verhalten.
 
Die Tochter eines Fischers, der aber kein gewöhnlicher Śūdra war, sondern gelehrt und weise, wunderte sich, dass ein Mensch freiwillig in solch ein heftig pulsierendes Etwas ziehen wollte. Sie verstand ihren Vater plötzlich viel besser, wenn er bei ihren früheren Besuchen der Stadt jedes Mal zur Eile gedrängt hatte, um möglichst schnell wieder auf seine Insel zu flüchten. Trotzdem, das laute, bunte Treiben musste auch viele anziehende Aspekte haben, und Satyavatī erspähte auch schon einige.
 
Sie sah üppig geschminkte Frauen und Kinder. Selbst Mädchen, die noch nicht im heiratsfähigen Alter waren, trugen Schminke und kunstvoll aufgetragene Ornamente im Gesicht. Fast jedes weibliche Wesen dieser Stadt schien Schmuckstücke im Haar und um Hals, Schultern und Hüften zu tragen. Sie hielt diese Zurschaustellung für eindeutig übertrieben, aber vielleicht war diese Üppigkeit ja dem Feiertag geschuldet.
 
Satyavatī sah auch die farbenfrohen Saris mit ihren edlen Borten und Stickereien. Sie fasste den Entschluss, sich für jeden Tag des Jahres einen eigenen Sari anfertigen zu lassen. Vielleicht könne sie ja sogar einige ihrer Sonnenblumenschwestern in die Stadt holen und so ihre Wette fortsetzen. Ihre neuen Zofen und Freundinnen könnten sich am täglichen Raten der Sonnenblumenfärbung beteiligen und es könnte daraus ein lustiges Spiel entstehen. In jedem Falle wollte sie aber viele bunte Saris und andere Kleidungsstücke von nun an ihr Eigen nennen. 
 
Satyavatī wurde immer wieder von neuen Eindrücken gefangen. Überall ergossen sich neue strahlende Farbkombinationen über sie, überall glitzerten Edelsteine und kostbares Geschmeide. Ja selbst die Männer und Knaben waren fast alle mit Schmuck behangen. Fasziniert richtete sie nun ihre Augen besonders auf die Ohrringe, die fast jeder trug. Die Vielfalt und die Pracht raubten ihr fast den Atem. Es musste in dieser Stadt wahrhaft unübertroffene Kunstschmiede geben. Sie vermutete, dass es Monate dauern wird, bis sie all diese Künstler und ihre Kreationen kennengelernt haben würde. 
 
Langsam rollte der Wagen weiter. Endlich kam der Palast in Sichtweite. Unbekannte Geräusche drangen an ihr Ohr und ungekannte Düfte legten sich um ihre Nase. Mal roch es nach Räucherwerk, mal nach Blumen, mal nach Rosenwasser, mal nach reifen Mangos oder Bananen. (Satyavatī registrierte ausgesprochen dankbar, dass es bisher nirgends nach Fisch gerochen hatte.) Unbekannte Gebete und glückverheißende Mantras drangen an ihr Ohr. Tiere, die sie nie zuvor gesehen hatte, erblickte sie in der Ferne. Kinder, unablässig winkend,  lehnten sich weit aus den Fenstern der Häuser oder turnten auf deren Dächern und warfen Blumen auf die Straße. 
 
Satyavatī war froh, als das Gefährt am Palast ankam. Sie erkannte Diviratha, einen der Generäle Hastināpuras, der seit vielen Jahren die Aufgabe hatte, die Gäste des Kaisers auf dem großen Platz vor dem ersten Palasttor zu begrüßen. Sie wusste, dass die beiden jungen Männer, die ihm behilflich waren, seine Söhne Vainateya und Garuḍa waren. Sie wusste auch, dass er mehr war als nur einer der Befehlshaber der Armee und ein wichtiger Teil des Protokolls. Er war darüber hinaus berühmt für seine profunde Kenntnis des Rāmāyaṇas, das er fast in voller Länge auswendig gelernt hatte und an besonderen Festtagen vortrug.
 
Da stand Satyavatī nun vor den Toren des Palastes des Herrschers der Erde. Die Pferde schnaubten und tänzelten etwas unruhig, was angesichts der vielen Menschen, die sich laut und aufgeregt unterhielten und sich eng um den Wagen drängten, nicht verwunderlich war. Die zwanzig berittenen Soldaten hatten alle Mühe, den Schutzwall aufrecht zu erhalten. Da stand Satyavatī nun vor dem berühmten ratharāja und rührte sich keinen Meter vom Fleck.
 
Sie äugte zu ihrem Vater, der allerdings keinerlei Unruhe zeigte, sondern geduldig wartete, bis Bhīṣma sein Gespräch mit Diviratha beendet hatte und sie in die Versammlungshalle leiten würde. Obwohl Satyavatī auf festem Boden stand, fühlte sie sich wie ein führerloses Schiff in einem Sturm. Sie befürchtete sogar, dass ihre Knie nachgeben würden, wenn sie jetzt einen Schritt tun müsste.
 
Bhīṣma kehrte zurück, trat vor die Neuankömmlinge, lächelte über das ganze Gesicht, grüßte noch schnell in die wogenden Menschenmassen und bedeutete, dass seine zukünftige Mutter und sein zukünftiger Großvater ihm folgen sollten. Zu Satyavatīs Überraschung konnte sie sich tatsächlich fortbewegen, zwar ein bisschen wacklig auf den Beinen, aber trotzdem ohne Zusammenbruch.
 
Schon nach wenigen Schritten hatte die Gruppe das erste Palasttor erreicht. Satyavatī mahnte sich zu Aufmerksamkeit. Sie wollte schnell ihr neues Zuhause erkunden und auf möglichst viele Details achten. Das erste Tor, das wusste sie schon, hatte weniger einen Verteidigungscharakter, sondern diente vielmehr einem ordnenden und dekorativen Zweck. Bequem bot es genug Platz, dass zwei Streitwagen nebeneinander hindurch fahren konnten, und war damit das breiteste Tor von allen.
 
Es war darüber hinaus auch das einzige Tor, das oben einen flachen Abschluss hatte. Der Grund dafür lag darin, dass einer der Posten immer auf dem Tor saß oder stand (in manchen Nächten auch lag, obwohl dies nicht erlaubt war). Da sich auf dem Platz oft Tausende Menschen versammelten und es schon manchmal aufgrund der drangvollen Enge zu gefährlichen Situationen gekommen war, hatte der Gardist auf der Plattform neben der Aufgabe, unangekündigte Gäste zu melden, auch die Pflicht, auf eventuelle Gefahrensituationen bei Menschenaufläufen aufmerksam zu machen. 
 
Auch die Mauer, die zum ersten Tor gehörte, unterstrich den unterhaltenden Charakter dieser äußersten Grenze des Palastgeländes. Sie war weder besonders stabil noch hoch, gerade einmal eine Manneslänge, sondern fungierte eher als Rahmen und Hintergrund für die unzähligen Fresken, Nischen und Schreine, die das prächtige Bauwerk zierten. Die fünf Wächter schließlich waren keine Krieger, sondern Künstler, denn ihre Hauptaufgabe bestand darin, spielende Kinder und Gäste, die zum ersten Mal Hastināpura besuchten, davon abzuhalten, aus Neugier oder aus Versehen, durch das erste Tor zu spazieren. Darüber hinaus sollten sie die Menschen vor dem Tor auch ein wenig unterhalten und belustigen.
 
Deshalb trugen die Männer auch keine kampfgeeigneten Uniformen, sondern weite, verspielte rot-weiße Gewänder mit dunkelgrünen Säumen und einer hellgrünen Weste. Aufgrund der knalligen Farben erinnerten sie daher deutlich an Spielleute und Gaukler. Als Bhīṣma der Form halber vor den Hütern des Tores anhielt und sie grüßte, sanken sie alle fünf in die Knie und ein weiterer, diesmal etwas länger gezogener und etwas dunklerer Fanfarenstoß ertönte.
 
Der Weg wurde freigegeben, Bhīṣma schaute noch einmal zurück auf sie und ihren Vater und setzte sich in Bewegung. Jetzt wurde es ernst für die Tochter eines Fischers, die ein einzigartiges Geheimnis mit sich trug, das nur einigen wenigen Göttern bekannt war. Die nächsten Minuten würden darüber bestimmen, wohin der Lauf ihres Lebens sich wenden würde. In den Palast und die Gemächer der Kaiserin? An die Seite Śantanus auf den Thron Hastināpuras? Oder zurück auf die Insel? O Viṣṇu, zurück auf die Insel? Satyavatī erschrak sich heftig bei diesem Gedanken. 
 
Zurück auf die Insel? Nein, niemals! Satyavatī beschloss in diesem Moment, dass sie unter keinen Umständen zurück auf die Insel gehen würde, komme, was da wolle. Sie beschloss in diesem Moment, als sie fast auf gleicher Höhe mit Bhīṣma und Matsyarāja den Einlass durchschritt, dass die Episode namens „Inseldasein“ ein für allemal beendet war. Wohin auch immer sie das Karma in den nächsten Jahren lenken würde, das Eiland schloss sie als eine der Möglichkeiten kategorisch aus.
 
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