Śantanu hielt sich die Hand schützend an die Stirn, um das gleißende Sonnenlicht zu dämpfen. Kein Zweifel – da stand ein kampfbereiter Kṣatriya. Da Śantanus linker Ellenbogen fast eine waagerechte Linie bildete, hing der Ärmel seines Gewandes locker nach unten. In eben diesem Ärmel regte sich plötzlich etwas. Śantanu ließ sofort seinen Arm sinken und schüttelte seinen Ärmel aus.

Heraus fiel ein Pfeil, den sein Gegenüber offensichtlich gerade als weiteren Willkommensgruß auf ihn abgefeuert hatte. „Nicht sehr einfallsreich, aber auch nicht schlecht“, murmelte Śantanu anerkennend vor sich hin. Aber wie war es seinem Gegenüber gelungen, den Pfeil in seinem Ärmel zu platzieren, ohne dass er es gemerkt hatte?

Anscheinend war der unbekannte Krieger gewillt, seine Pfeile betrachten zu lassen, sonst hätte er wohl kaum diesen Schuss abgegeben. Der König betrachtete das Geschoss. Er erkannte sofort, dass es genau die Art von Pfeil war, aus der die Staumauer bestand. Doch weder hatte er jemals solch ein Holz gesehen noch die Zeichen, die auf dem Geschoss prangten. „Zumindest habe ich damit die Quelle des Problems entdeckt“, dachte sich Śantanu.

Das alles hatte sich innerhalb weniger Minuten abgespielt. Śantanu wurde sich plötzlich wieder all der Fische und anderen Lebewesen bewusst, die sehnlich eine Wiederkehr der Gaṅgā erwarteten. Es galt, jetzt schnell zu handeln. Aber wie? Es war klar, dass er nicht einfach sein Schwert ziehen und die Mauer zerstören konnte, denn der Fremdling am anderen Flussufer musste erst zustimmen. Wahrscheinlich würde sein Gegenüber nicht erfreut sein, wenn dieser Wall zerstört würde. Dieser Bogenschütze würde ihn töten können, noch bevor er das Schwert erhoben hatte, darüber war sich Śantanu sicher. Aber er konnte es sich auch nicht leisten, noch lange zu zögern.

Und jetzt – sah er richtig? Winkte der Fremde ihn zu sich? Ja, tatsächlich, diese Zeichen luden ihn ein, an das andere Ufer zu kommen. Mahārāja Śantanu zögerte keine Sekunde. Behände kletterte er die klitschige Wand des Flussbettes hinunter. Dies war nicht ungefährlich, denn noch immer strebten Tausende von krabbelnden Flussbewohnern aus dem Flussbett heraus dem sandigen Ufer entgegen. Auch viele kleine und große Schlangen versuchten, dem zappelnden Flussteppich zu entfliehen. Denn sogar sie waren ohne die Tiefe des Wassers zu vielen Feinden hilflos ausgeliefert.

Als er fast auf dem Boden angelangt war, nahm Śantanu sein Schwert zur Hand. Zwar zeigte sich keines der Krokodile an ihm interessiert, es gab schließlich genug leichtere Beute. Aber ein Kṣatriya muss immer gewappnet sein, man wusste nie, wem man begegnet. Śantanu glitt langsam ins Wasser, das ihm gerade noch bis zu den Knien reichte. Damit er möglichst wenige Tiere verletzte, schob er vorsichtig einen Fuß vor den anderen und immer nur am Boden entlang. Einige der Fische sprangen ihn in ihrem Todeskampf an. Entkräftet prallten sie von ihm ab und landeten wieder auf den anderen Fischen. Zwei Schlangen wollten sich ebenfalls an Śantanus linkes Bein retten, doch hob er sie mit seinem Schwert an und warf sie hinter sich.

Allerlei Getier wurde auf ihn aufmerksam und unaufhaltsam entfernte er all die Lebewesen, von denen er einige nie zuvor gesehen hatte, von seinem Körper. Manche der Tiere versuchten sich an ihn zu krallen, so dass er sie mitsamt ein paar Stücken seiner Kleidung, mit seinem Dolch von sich abschneiden musste. Manche Wasserbewohner schob er schon mit dem Schwert zur Seite, andere schnippte er mit den Fingern von seinen Armen, seinen Beinen oder seiner Schulter, und wieder andere rutschten von allein wieder an ihm herunter.

Als er schon mehr als die Hälfte des Flusses durchwatet hatte, stieß er an etwas Hartes. Er konnte es unmöglich mit dem Fuß fort schieben, dafür war es viel zu schwer. Vielleicht war es auch mit dem Boden verwachsen. Śantanu schob behutsam einige Fische mit dem Schwert zur Seite, um eine bessere Sicht auf das Hindernis zu haben. Doch auch sein Schwert stieß an etwas Hartes, etwas, das ihn anschaute. Śantanu wollte noch schnell einen Schritt zurückweichen, doch es war schon zu spät. Die Augen, die ihn beobachtet hatten, gehörten zu einer riesigen Schlange, die sich vor ihm empor wand, als wolle sie mit ihrem Kopf den Himmel durchstoßen. Er fiel nach hinten um und rappelte sich sofort wieder auf.

Śantanu kannte diese Sorte Schlange nicht, aber ihr unablässiges Zischen verhieß nichts Gutes. Sie hatte sich inzwischen in ihrer ganzen Größe vor ihm aufgebaut. Den Menschen beunruhigte weniger, dass die Schlange mindestens drei Mal so groß war, wie er, sondern dass sie unglaublich schnell und wendig zu sein schien. Sie fixierte ihn. Bis auf den Teil ihres Körpers, der noch am Boden lag, wiegte sich das Untier hin und her wie Getreide im Sommerwind. Ihre Haut, die eben noch das tiefe dunkle Blau von Klatschmohn hatte, wandelte sich jetzt in das Lila von Sommerflieder. In der nächsten Sekunde hatte der Körper des Reptils plötzlich die grelle gelbe Farbe von Sonnenblumen angenommen und war nur an den Seiten von je einer Reihe regelmäßiger dunkelbrauner Schuppen flankiert. Unter dem Hals war sie blau wie ein voll erblühter Lotos und über ihren Augen strahlte ein feuerroter Diamant. Die Farbzusammenstellung änderte sich ständig, anscheinend versuchte sie damit, ihren Gegner zu verwirren oder zumindest zu beeindrucken. „Wahrlich, ein wunderschönes Tier“, dachte Śantanu, „aber leider nicht willig, den Weg freizugeben.“

Noch immer wiegte sich das Reptil hin und her, als würde es zur Melodie eines Flötenspielers tanzen. Śantanu wusste, was diese Bewegung bedeutete. Die Schlange versuchte, ihn zu hypnotisieren und gleichzeitig Schwung zu holen. Jeden Augenblick würde sie auf ihn herab schießen und ihn mit einem Biss verschlingen wollen. Solange durfte er nicht warten, zumal er auf dem glitschigen Untergrund der Schlange gegenüber sowieso schon im Nachteil war.

„He, Nāgaleinchen“, provozierte der König das unbekannte Wesen, „geh mir aus dem Weg! Es ist keine gute Idee, jetzt mit mir kämpfen zu wollen. Dafür habe ich keine Zeit. Später einmal gerne. Dein König spricht zu dir! Gib den Weg frei!“ Unbeirrt schwang die Schlange von rechts nach links und wieder zurück. Das war weiß Viṣṇu nicht der passende Augenblick für Spielchen dieser Art. Hier war Angriff die beste Verteidigung.

Śantanu sprang aus dem Stand unter den Kopf der Schlange und kletterte sofort weiter zu ihrem Hinterkopf. Damit hatte die Schlange nicht gerechnet. Zornig wand und drehte sie sich und versuchte, den lästigen Angreifer abzuwerfen. Doch das Gewicht Śantanus zog sie unweigerlich nach unten und sie stürzte vornüber. Noch bevor sie auf dem immer undurchdringlicher werdenden Fischteppich aufschlug, war Śantanu schon zur Seite abgesprungen. Es galt den Überraschungseffekt zu nutzen. Während ein Regen aus Fischen und allerlei anderem Getier auf die beiden niederprasselte, schnappte sich Śantanu den Kopf der Schlange und zog ihn in Richtung Schwanz. Dabei presste er den Hals der Schlange so fest zusammen, dass sie kaum noch atmen konnte.

Śantanu rechnete damit, dass die Schlange einem natürlichen Reflex folgen und sich zusammenringeln würde, wenn sie Gefahr verspürt. Er hatte Recht, die Schlange röchelte, spie aus dem Maul etwas Feuer und Rauch und rollte sich zusammen. Das war seine Chance: er ergriff das geringelte Bündel und steckte den Kopf der Schlange tief hinein. Mit aller Kraft wuchtete er die Masse nach oben bis in Brusthöhe, packte sie fester, drehte sich auf einem Bein ein paar Mal um die eigene Achse und schleuderte das Reptil dann mit einem Siegesschrei über die Wand aus Pfeilen. Er hörte, wie das Ungeheuer ins Wasser klatschte und ein paar Elefanten trompeten, da die Schlange anscheinend in ihrer Nähe aufgeschlagen war. Der König keuchte, er spürte jeden seiner Knochen und hätte sich am liebsten ein paar Minuten ausgeruht. Doch seine Pflicht und seine Neugier drängten ihm zum anderen Ufer.

Er war inzwischen klatschnass. Außerdem bemerkte er, dass sein rechter Arm rapide anschwoll. Anscheinend hatte es die Schlange geschafft, ihm einen Schlag auf den Oberarm zu versetzen. Das war nicht gut, das war gar nicht gut. Wenn es jetzt zu einem Kampf mit dem unbekannten Krieger käme, müsste er sein Schwert mit dem linken Arm führen. Er fragte sich, ob das reichen würde.

War sein Gegner überhaupt noch da? Ja, da stand er noch, er wartete. Es schien, als wäre der Fremdling sogar etwas näher ans Ufer gekommen, um nichts von dem Kampf zu verpassen. Der kleine Zwist zwischen Tier und Mensch hatte dem Fremdling anscheinend gefallen, denn er strahlte über das ganze Gesicht. Śantanu konnte ihn jetzt etwas näher betrachten, während er mühsam weiter watete. Und Śantanu erkannte, dass der Krieger kein Mann war, sondern ein Heranwachsender. Es war ein Knabe, der sich köstlich zu amüsieren schien, denn er hörte gar nicht mehr auf zu grinsen. Aber wer war dieser Junge?

Endlich hatte Śantanu das Ufer erreicht. Der Aufstieg würde noch einmal mühsam sein. Er war noch nicht wieder bei vollen Kräften und er musste etwa vier Meter steiler Böschung überwinden. Aber Śantanu dachte nicht an die Hindernisse, die vor ihm lagen. Er dachte nicht an die glitschige Wand, an der er sich nach oben arbeiten sollte, nicht an die Schlangen, die seinen Weg kreuzten, nicht an all die anderen kleinen Tiere, die wild durch- und übereinander krabbelten. Er dachte auch nicht an das riesige Krokodil, das hinter ihm auftauchte, er dachte nicht einmal mehr an die Staumauer, die immer noch unverrückbar über der Szenerie thronte.

Ein einziges Bild beherrschte sein gesamtes Denken und Fühlen – das Gesicht des fremden Halbwüchsigen. Er kannte dieses Gesicht! Aber woher? Wer war dieser Junge, den Śantanu auf etwa zehn bis zwölf Jahre schätzte. Er musste sich den fremden Knaben unbedingt näher anschauen. In Śantanu stiegen Gefühle auf, die er nicht deuten konnte, die aber nicht vollkommen neu zu sein schienen, nur ungewohnt und längst begraben. Zumindest lange verdrängt, da sie mit ausgesprochen schmerzhaften Erinnerungen gekoppelt waren.

Und dann durchfuhr es den König wie ein Blitz! Plötzlich wusste Śantanu, an wen ihn das Gesicht des Jungen erinnerte. Kein Zweifel, er sah die Frau, die in seinem Geist untrennbar mit diesem Gesicht verbunden war, so deutlich vor sich, als stände sie vor ihm. Das Bild dieser Frau war so gegenwärtig, dass er vor lauter Überraschung fast gestrauchelt und die Böschung wieder herunter gerutscht wäre. Aber er fing sich noch einmal, allerdings ohne sein mulmiges Gefühl in der Magengegend zu verlieren.

Andererseits, er musste sich irren, es konnte einfach nicht sein! Oder doch? Warum eigentlich nicht? Im König stiegen Hoffnungen auf, die er sofort wieder beerdigen wollte. Nein, nein, nein, nein, nein – er wollte sich nicht an diese Hoffnungen klammern! Er wollte sich nicht daran erinnern, was einstmals geschehen war. Nicht an diesen Alptraum, nicht an diese schmerzlichsten Jahre seines ganzen Lebens. Aber wer war dieser Junge?

Endlich, Śantanu hatte wieder sicheres Land unter den Füßen. Er atmete tief durch, ordnete sein Haar und rückte seinen Gürtel zurecht. Ganz wieder in der Rolle des Kaisers, schritt er gemessenen Tempos auf den Fremdling zu, der ihm ebenfalls ein paar Schritte entgegen kam. Ihre Blicke begegneten sich und Śantanu wurde es heiß und kalt. Wahrlich, er hatte sich nicht getäuscht, das Antlitz dieses Jünglings glich aufs Haar jener Frau, in die er sich vor vielen Jahren unsterblich verliebt hatte.

Aus diesem jungen Gesicht sprach Güte und Weisheit, aber auch Stärke und Entschlossenheit. Der Blick dieses jungen Fremden war klar und freundlich. Er zeigte weder Furcht noch Arroganz, noch Verschlagenheit oder Unsicherheit. Am ehesten vielleicht noch Neugier, aber vor allem Milde und Selbstbewusstsein. Śantanu nahm sich gern die Zeit, den Jungen noch etwas näher anzuschauen.

Schuhe trug der Bursche nicht, nur ein paar bunte Bänder um seine Knöchel. Seine Oberschenkel waren ansehnlich und sein Gang war der eines kampferprobten Kriegers. Er war schlank, fast sehnig. Alle seine Gliedmaßen waren wohlgeformt – sein tiefer Bauchnabel, seine hohe Brust, seine breiten Schultern und seine muskulösen Oberarme. Die tiefe Kerbe auf seiner linken Schulter verriet, dass er es gewohnt war, einen schweren Bogen zu tragen. Und sein Auftreten zeigte deutlich, dass er schon so manche Schlacht geschlagen haben musste. Wer war dieser Junge?

Sein rabenschwarzes, lockiges Haar fiel ihm bis auf die Schultern und unter dem Haar leuchtete etwas, das vermutlich ein Stirnband war. Um die Hüften trug er einen Gürtel aus Rehfell, an dem ein kleiner, dicker Stock und eine Wasserflasche hingen, sowie ein Hüftgewand, das noch am ehesten an ein Bärenfell erinnerte. Um seinen Hals legte sich eine Kette aus dezent grün, rosa und blau schimmernden Muscheln. An seinem rechten Ohr pendelte ein wie ein springender Delfin geformter Ohrring und auch am anderen Ohr konnte Śantanu einen glitzernden Gegenstand erkennen, der aber fast vollständig von dem vollen Haar des Jungen verdeckt war. Wer war dieser Junge, der in seiner ganzen Erscheinung an einen großen Monarchen erinnerte und der anscheinend keine feindlichen Absichten hegte. Wer war dieser Junge, der Śantanus letzten Frau wie aus dem Gesicht geschnitten war?

Śantanu meinte plötzlich die Antwort zu kennen, denn es gab darauf nur eine Antwort. Nur eine einzige Antwort konnte die richtige sein. Nur eine einzige. Nur eine. Aber wenn es denn so wäre, wenn es tatsächlich nur eine einzig mögliche Erklärung gibt, dann würde dies bedeuten, dass dieser Junge … Śantanu wollte den Gedanken nicht zu Ende führen. Denn konnte es sein? Konnte es wirklich sein?

 
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