Herrlich, dieser Duft. Großartig. Unvergleichlich. Śantanus Geist überschlug sich förmlich in Freude über diesen unerwarteten Sinnesgenuss. „Riech! Riech! Mehr, mehr!“, forderte Śantanus Verstand, „nicht nur die Nase soll sich für ewig an diesen Tag erinnern.

Auch ihre Freunde bedürfen mal wieder einer Erfrischungskur. Nein, nein, du hast recht, es ist nicht zu weit hergeholt: warum sollte dieser zauberhafte Duft nicht zu einer bezaubernden Frau gehören!“

Śantanu hatte nicht die Kraft, die Irrungen und Wirrungen seines Geistes aufzuhalten. Willig nahm er alle Einflüsterungen hin: „Ist dieser Duft nicht köstlich! Er muss zu einer Dame gehören! Er muss! O meine lieben Sinne, seid nicht neidisch auf die Nase. O Augen, Ohren, Zunge und Haut, seid versichert, bald sollt auch ihr genießen. Geduldet euch noch, nur für eine kurze Weile. Ich werde das Reich dieses Duftes bezwingen und den Reichtum beschlagnahmen. Koste es, was es wolle.“

Auch die Intelligenz, die dem Geist in seinem unbändigen Denken, Fühlen und Wollen Schranken setzen sollte, war bereits ein willfähriger Sklave geworden. Ihre drei Töchter, Unterscheidungsvermögen, Zweifel und Vorausschau, hatte sie schon lange zur Ruhe geschickt. „Ja, so sei es!“, stimmte sie in die Jubelarie des Geistes mit ein, „lasst uns die Quelle dieses Aromas finden. Lasst uns alle Hindernisse aus dem Weg räumen!“

Und auch das Ego blieb von diesem grenzenlosen Beifallssturm nicht verschont. „Jawohl“, pflichtete es bei, „ich bin immerhin ein Mann, und welche Frau sollte mir widerstehen können! Nicht einmal die heilige Gaṅgā hat dies geschafft! Und außerdem bin ich der Kaiser der Welt! Unbezwungen! Siegreich in jeder Schlacht! Wer will sich mir denn in den Weg stellen? Mein ist der Sieg, mein ist das Reich, mein ist diese Frau! Mein ist der Genuss!“

Śantanu war in einer Hochstimmung, die er bisher nur drei Mal in seinem Leben erfahren hatte. Zum ersten Mal war es anlässlich seiner Ernennung zum Prinzregenten gewesen. Wie stolz war er damals gewesen, dass sein Vater ihm die Herrschaft über den Planeten zutraute. Und wie stolz und zufrieden war auch sein Vater gewesen, da er wusste, dass die Verantwortung der Regierungsgeschäfte in fähige Hände übergeben werden konnte.

Das zweite Mal hatte er dieses Maß an Glückseligkeit verspürt, als er Gaṅgā zum ersten Mal traf und sie auf der Stelle einwilligte, seine Frau zu werden. Wie hatte sein Körper vibriert, in gieriger Aussicht auf zu erwartende Freuden. Und wie stolz und zufrieden war auch Gaṅgā gewesen, solch einen starken Beschützer und stattlichen Liebhaber an ihrer Seite gefunden zu haben.

Zum dritten Mal hatte er diesen Ausbund an Unbeschwertheit gespürt, als er Devavrata wieder traf. Damals hatte er zum letzten Mal dieses Gefühl gekostet, das einem vorgaukelt, dass es nichts auf der Welt gab, was sein Glück trüben könnte. Es war ein Zustand tief empfundener Wohligkeit, vereint mit der Gewissheit, dass er selbst dem Untergang des Universums lächelnd gegenüber treten würde, sollte er sich vor ihm ankündigen.

Und heute empfand er erneut das Gleiche. So mussten sich die Götter fühlen, wenn sie den somarasa, den himmlischen Nektar, tranken. Obwohl, es war noch nicht ganz soweit. Denn noch konnte er nicht ganz sicher sein, ob er das Objekt seiner Begierde würde tatsächlich umarmen können. Bei aller Zuversicht und bei aller stoischen Ignoranz gegenüber seiner eigenen Lebenserfahrung und den Worten der heiligen Überlieferungen, die stets vor allzu großem Ungestüm warnen, blieb doch noch immer ein Restmaß an Zweifeln.

Śantanu bemerkte nicht, dass er instinktiv stehen geblieben war, da der Weg hier abrupt endete. Ein dichter, wenn auch schmaler Gürtel von Avaroabäumen blockierte das Fortkommen. Um zum See zu kommen – und die Annahme, dass der ominöse Duft aus Richtung des Sees käme, verdichtete sich immer mehr zur festen Überzeugung – musste man dieses Spalier durchdringen, dass wie ein Kranz um den gesamten See gewachsen war.

Die Avaroabäume waren auf den ersten Blick unschuldig und einladend. Ihre Blätter waren milchig-weiß und nur an den Rändern von einem zarten, rosa Streifen gesäumt. Doch so erfreulich auch der Anblick war, eine Begegnung mit ihnen war ausgesprochen unangenehm. Ihre Blätter und Äste hatten nämlich kleine, hässliche Widerhaken, so dass man mit großer Vorsicht zu Werke gehen musste. Einige Sorten, daran zu erkennen, dass die Blätter neben dem rosafarbigen auch noch einen blauen Rand hatten, konnten sogar eine brennende Flüssigkeit verabreichen, wenn sich ihre Stacheln in die Haut bohrten.

Śantanu dachte aber nicht daran, sich lange aufzuhalten. Er schritt ohne groß zu zögern voran, bog die Äste zur Seite und hielt sie so lang zurück, bis Sunil außer Gefahr war, von den zurück schnellenden Ästen getroffen zu werden. Sunil war es ausgesprochen peinlich, dass der König ihm zu Diensten war, wo es doch vielmehr sein Dharma war, dem König zu dienen. Aber Śantanu war so schnell und entschlossen weiter gelaufen, dass der alte Diener aus der östlichen Provinz gar keine andere Wahl hatte, als seinem König zu folgen. Innerlich tadelte er sich heftig, dass er nicht in weiser Voraussicht den König überholt hatte. Schließlich hatte er diesen Ort schon Dutzende Male besucht und kannte die Mauer der Avaroas.

Śantanu hatte den Wall schon durchdrungen, als Sunil noch mit den letzten Ästen kämpfte. „Schau nur Sunil“, rief Śantanu, „dieser Ort ist in den letzten Jahren noch schöner geworden. Kein Wunder, dass manchmal selbst die Gandharvas diesen See aufsuchen.“ Śantanu ging noch ein paar Schritte weiter bis an eine Art Kante. „Siehst du, mein getreuer Diener, an diesem Grat habe ich oft gesessen. Hier geht es eine Weile sanft bergab, bis dieses Schilfrohr kommt.

Es ist, als ob der Architekt der Himmelsgötter hier seiner spielerischen Lust freien Lauf gelassen hat. Dieser Platz ist wie ein riesiger Trichter. Es gibt einen Weg hinunter zu einem Steg. Er ist leicht zu finden, denn er ist von froschgrünen Sonnenblumen gesäumt. Wir müssen nur ein paar Schritte nach rechts gehen, dann müssten wir ihn sehen. Komm.“

Abermals gelang es Sunil nicht, vorauszugehen. Sein Ärger darüber machte ihn unaufmerksam, so dass er fast auf Śantanu prallte, als dieser anhielt. „Sieh dir das an“, rief Śantanu verzückt, und es schien, als hätte der Anblick der Sonnenblumen ihn sogar den unbekannten Duft für einen winzigen Augenblick vergessen lassen, „rot wie edle Rubine sind sie heute. Dies ist der einzige Ort, zumindest in meinem Königreich, wo es verschieden farbige Sonnenblumen gibt. Sie scheinen ihre Farbe ständig zu ändern!

Und dort drüben, siehst du diesen Teppich aus Lotosblumen? Eine weiße Blüte ist immer neben einer schwarzen, es sieht aus wie ein riesiges Schachbrett. Dies ist wahrlich ein merkwürdiger Ort. Lass uns nach unten zum Steg gehen. Ich bin gespannt, welche Schönheiten wir noch entdecken.“ Sie folgten der kleinen Serpentine weiter nach unten, bis sie den Steg entdeckten. An seiner rechten Seite lag ein Floß und auf diesem Floß saß im Lotossitz eine Person, anscheinend eine Frau.

Da sie halb mit dem Rücken zum Steg saß, konnte man sie nur von der Seite sehen, und selbst das nur teilweise. Aber eines war sicher – dieser unvergleichliche Duft ging von dieser Person aus! Śantanus Herz machte einen Sprung. Seine kühnsten Träume schienen in Erfüllung zu gehen. Er hatte es geschafft. Er hatte die Quelle gefunden. Jetzt hieß es, den endgültigen Besitz dieses Juwels nicht zu gefährden. Der Feldherr in ihm erwachte und gebot zur Vorsicht. Jetzt nicht noch im letzten Moment einen Fehler begehen!

Als Krieger war es Śantanu gewohnt, sich geräuschlos anzuschleichen. Er wandte sich kurz zu seinem Diener und machte ihm klar, dass er ebenfalls leise sein solle, in dem er den Zeigefinger auf den Mund legte. Beide Männer waren jetzt schon auf dem Steg und Śantanu konnte erkennen, dass diese Person tatsächlich eine Frau war. Mehr noch, er konnte sehen, dass sie ein junges Mädchen war. Und dass sie hübsch war. Und dass sie kein Zeichen trug, dass sie verheiratet wäre.

Wieder bekam seine Hoffnung neue Nahrung. Auf den letzten Planken des Stegs trat Śantanu besonders geräuschvoll auf. Dies hatte den gewünschten Effekt. Das Mädchen schreckte auf und wandte sich um. Śantanus Herz setzte aus. Sein Atem setzte aus. Sein Verstand setzte aus. Mit ihrem Anblick schienen sich ganze Wolken des betörenden Aromas über ihm abzuregnen.

Śantanu wusste nicht, wie lange er so ohne den Schlag seines Herzens verweilt hatte, doch endlich besann er sich seiner Situation, da ihm bedrohlich schwindlig wurde. Sein Herz setzte ein und sofort wieder aus, um dann erneut einzusetzen. Sein Atem meldete sich Viṣṇu sei Dank wieder zu Wort und auch sein Verstand begann langsam wieder mit seiner gewohnten Arbeit.

Dieses Mädchen war schön. Zugegeben, er hatte schon schönere gesehen, wesentlich schönere. Aber die Anziehung dieses Mädchens basierte weniger auf dieser Art von oberflächlicher Schönheit, wie sie die Natur bisweilen verschwenderisch verteilt, sondern mehr auf dem Zusammenspiel des hübschen Gesichts und der einladenden Hüften mit einem Ausdruck der Weisheit und Güte. Ihr Wesen atmete etwas Erhabenes, etwas Wissendes. Śantanu spürte, dass er von einem Augenblick auf den anderen plötzlich nicht mehr nur begehrender Mann war, sondern auch lebenserfahrener König, Gelehrter und Denker, Herr und Beschützer.

Auch wenn das Mädchen die Augen schnell wieder niedergeschlagen hatte, so las er doch eine milde Weisheit in ihnen, eine tiefe innere Zufriedenheit. Bei Śastragupta hatte er diesen Ausdruck manchmal gesehen, und bei Devavrata, manchmal auch bei Gaṅgā. Und nun sah er diese göttliche Zuversicht in diesem Mädchen, auf das er herunterschaute und die immer noch den Kopf gesenkt hielt.

Śantanu fühlte sich unwohl, auf diese Weise auf sie herab zu blicken. Er öffnete den Mund und sagte etwas, musste aber feststellen, dass kein Laut seiner Kehle entsprang. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal: „O Dame voller Liebreiz, wie ist dein Name und wer ist dein Vater. Was verschlägt dich an diesen bezaubernden Ort? Ich bin Mahārāja Śantanu, Sohn des Pratīpa. Ich bin dein König und du stehst unter meinem unfehlbaren Schutz. Du hast nichts zu befürchten.“

Als das Mädchen ihren Kopf erhob, reichte ihr Śantanu seine Hand und bedeutete, dass sie von dem Floß auf den Steg steigen solle. Sie zögerte. Der König wartete. Dann machte sie unvermittelt einen großen Schritt, erklomm auf diese Weise ohne des Königs Hilfe mühelos den Steg, legte die offenen Hände vor der Brust zusammen und verbeugte sich tief. Śantanu hörte ihre liebliche Stimme, die in völliger Harmonie mit ihrem gesamten Auftreten war.

„Mein König, ich bringe dir meine Ehrerbietung dar. Mein Name ist Satyavatī. Ich bin die Tochter Matsyarājas, des Fischers, der auf der Insel in der Mitte dieses Sees lebt. Mahārāja, meine Aufgabe ist es, den Menschen zu dienen, in dem ich sie auf diesem Floß sicher an das andere Ufer bringe.“ Ihre Worte waren angenehm wie der Wind, der an einem Frühlingsmorgen sanft über eine Wiese weht. Ihre Stimme war klar und melodisch und ihre Sprache überraschend gewählt und fehlerlos. Ihre Stimme war voller Respekt, aber bar jeder Angst.

Die Fischerstochter verbeugte sich noch tiefer und erst nachdem sie, die Beine aneinander gehalten, mit beiden Knien den Boden berührte, sprach sie weiter. „Bitte verzeih, dass ich deine Hand ausschlug, aber mein Vater lehrte mich, nur die Hand meines Ehemannes zu berühren.“

Śantanu jubelte. Nicht nur, dass dieses Mädchen einen Duft verströmte, der jeden Mann um den Verstand bringen konnte, nicht nur, dass sie von ausgewählter Schönheit war, sie war auch noch wohlerzogen und keusch. Zugegeben, sie war die Tochter eines Fischers und dies würde einigen Brāhmaṇas nicht gefallen. Aber er hatte schon einmal eine Heirat durchgesetzt, die umstritten war. Auch die Vermählung mit Gaṅgā war für einige seiner Berater nicht akzeptabel gewesen, da sie ihnen unstandesgemäß erschien. Schließlich kannte damals niemand die Herkunft seiner Zukünftigen.

Während Śantanu diese Gedanken wälzte, fasste Satyavatī des Königs Schweigen anscheinend als Tadel auf und so führte sie ihre Entschuldigung aus. „Ich folge damit nur den Fußspuren der Glücksgöttin. Auch Sītā Maharani weigerte sich, auf den Rücken Hanumāns zu klettern. Es war die Pflicht ihres Gatten, sie zu befreien. Und es war nicht angemessen, dass sie sich an einen Affen klammern sollte, während dieser Laṅka durch die Lüfte fliegend wieder verließ.

O bester unter den edelmütigen Königen, bitte betrachte mein Verhalten nicht als Respektlosigkeit. O Kenner des Dharmas, ich habe gelernt, meinem Vater zu folgen, so wie du es auch gelernt hast. Folgte Rāmacandra nicht seinem Vater, ohne auch nur einen winzigen Augenblick zu zögern? Sprach Viṣṇu nicht folgende Worte zu seinem geliebten jüngeren Bruder Lakṣmaṇa:

Die Wahrheit: lebt an vielen Orten,
Fürwahr – erscheint in vielen Sorten.
Ein Weiser kann sie stets umhorten,
Auch Vaikuṇṭha öffnet hehre Pforten.
Doch am Leichtesten gefunden dorten
Zuallererst in Vaters Worten.

So versuche auch ich, die Worte meines Vaters unter allen Umständen in Ehren zu halten. Wenn dir dennoch mein Verhalten unangemessen erscheint, so sprich bitte selbst mit meinem Vater.“

Śantanu schwieg. Die Stimme des Mädchens schmiegte sich so harmonisch in das Bild des bunten, friedlichen, blühenden Sees, dass jedes Wort seinerseits jetzt nur eine Störung gewesen wäre. Doch nicht nur der Klang der Worte, die ihre Lippen verließen, war Balsam für die Seele. Auch deren Bedeutung schwang willkommen in ihm und legte sich geschmeidig auf das Bett seiner eigenen Hingabe zu Viṣṇu.

Gern hätte er in Ruhe darüber sinniert, wie es möglich war, dass die Tochter eines Fischessers (und der Vater musste ein Fischesser sein, denn er hatte noch nie von einem Fischer gehört, der seinen Fang nicht auch aß) nicht nur von Sītā und Rāma wusste, sondern deren Geschichte auch noch fehlerfrei deuten und in einer geschliffenen Sprache wiedergeben konnte. Mehr noch, die sogar aus dem Rāmāyaṇa zitierte. Aber nicht aus dem irdischen Rāmāyaṇa! Śantanu wurde schlagartig klar, dass der von diesem liebreizenden Geschöpf zitierte Vers aus dem himmlischen Rāmāyaṇa stammen musste. Devavrata hatte es einmal vorgetragen und dieser śloka war dem König, neben einigen anderen, besonders im Gedächtnis haften geblieben.

Śantanu konnte sich aus all dem keinen Reim machen. „Wie um alles in den drei Welten konnte eine Fischerin, oder meinetwegen auch Fährfrau, einen Vers aus der Geschichte Rāmas zitieren, wie sie nur auf Svarga-loka bekannt ist. Und nicht zu vergessen, was verbarg sich hinter dem mystischen Duft, den sie verströmte?“ Sunil räusperte sich. Śantanu erwachte aus seinen Gedanken und verstand. Genug der Spekulationen und Träumereien, schien ihm sein Diener sagen zu wollen.

„O Tochter eines Fischers, du musst dir keine Sorgen machen. Du hast dich in keiner Weise unangemessen verhalten. Die Anweisungen deines Vaters sind richtig und du folgst dem Weg des Dharmas, wenn du sie achtest. Ich habe weder etwas an deinen Handlungen noch an deinen Worten auszusetzen. Du hast die Wahrheit gesprochen und deinem Namen alle Ehre bereitet. O Satyavatī, du erleichterst den Menschen ihr Leben, in dem du sie über den See führst. Bitte erleichtere auch mein Leben und leite mich zu deinem Vater. Ich möchte ihn kennenlernen und ihm zu solch einer vortrefflichen Tochter gratulieren.“

Satyavatī verbeugte sich leicht mit gefalteten Händen, zog den Saum ihres Saris wieder etwas tiefer ins Gesicht und stieg ohne ein weiteres Wort auf das vordere Ende des Floßes. Sie nahm den langen Fährstab zur Hand und wartete mit leicht nach unten gerichtetem Blick, bis ihre beiden Passagiere sich hinter ihr gesetzt hatten. Śantanu war für einen Moment versucht, selbst die Fährarbeit zu übernehmen, verwarf diesen Gedanken aber, da er wusste, dass Satyavatī niemals freiwillig darauf eingehen würde. Und wozu jetzt noch einen Streit herauf beschwören.

Śantanu platzte fast vor Anspannung. Er war dicht vor seinem Ziel. Gleich würde er dem Vater dieses Mädchens gegenübertreten. Wenn schon die Tochter so außergewöhnlich war, wie musste dann erst der Vater sein? War er womöglich ein Deva oder ein anderes himmlisches Wesen, das verflucht war, das Leben eines Fischers zu führen?

Und dieses Mädchen? Dieses Mädchen, das nicht nur duftete und bildhübsch war, das nicht nur belesen und kultiviert, sondern auch weise war? Dieses Mädchen, dessen freundliche und heitere Art ihn die Lasten seines Alters vergessen ließ – war sie nun verheiratet oder nicht?

„Wäre sie die Tochter eines Brāhmaṇas, eines Kṣatriyas oder eines Vaiśyas, dann könnte ich sicher sein, dass sie noch ledig ist“, sprach Śantanu zu sich. „Bei der Tochter eines Zweimalgeborenen hätte ich schon lange an ihrem Verhalten und den Zeichen auf ihrer Stirn erkannt, ob sie bereits in den Stand der Ehe eingetreten ist oder nicht. Doch bei einer Fischerstochter bin ich mir nicht so sicher. Ich habe bisher kaum Erfahrungen mit dieser Gilde gesammelt. Außerdem ist sie mehr eine Frau als ein Mädchen. Das Alter, in dem gewöhnlicherweise Töchter vergeben werden, hat sie in jedem Falle weit überschritten. Vielleicht war sie schon einmal verheiratet gewesen und ihr Mann war verstorben? Das wäre eine Erklärung. Und was soll ich tun, wenn sie doch verheiratet ist? Keine Jungfrau! Kein toter Ehemann! Keine Hoffnung! Dann ist alles aus!“

Śantanu seufzte so laut, dass ihn sogar sein dezenter Diener Sunil überrascht anschaute. Es hieß jetzt abzuwarten und geduldig zu hoffen. Hinter einer kleinen Biegung kam die Insel mit dem bescheidenen Anwesen des Fischers zum Vorschein. Er saß vor seiner Hütte und reparierte eine Reuse. Als er aufschaute und seinen Besuch musterte, lief es Śantanu kalt über den Rücken.

 
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