Devavrata stürmte dem See entgegen. Neben ihm saß Sunil, der sich erst geweigert hatte, im Wagen Platz zu nehmen und lieber hinten auf den Stufen stehen wollte, so wie er es bisher immer getan hatte. Erst des Prinzen wiederholtes Insistieren und Befehlen konnte ihn überzeugen.
Man sah im allerdings an, dass er sich noch immer unwohl fühlte. Wenn er nicht schon so alt gewesen wäre, hätte er sich sofort auf den Boden der Kutsche gesetzt. Aber dies würde ihm sein Rückgrat heute nicht mehr verzeihen. 
 
Wohl oder übel musste er sich mit dem anbefohlenen Sitz anfreunden. Sunil durfte nur nicht vergessen, Citragupta, dem königlichen Protokollanten, nahe zu legen, diese Tatsache aus seinen Aufzeichnungen besser wegzulassen. Die Nachwelt würde dieses Detail sicher nicht vermissen. Allerdings war Citragupta ausgesprochen penibel, eine Eigenschaft, die er von seinem Vater Vedāṅgagupta geerbt hatte, der unbeirrbar jede Kleinigkeit beflissen notierte, die sich im Königreich zutrug. Mit seiner pedantischen Ordnungs- und Sammelleidenschaft hatte er sogar schon Mahārāja Pratīpa geärgert. Ungeteilten Beifall erhielt Vedāṅgagupta, und  Citragupta erging es da nicht anders, lediglich von einigen Brāhmaṇas. 
 
Diese (im Volksmund manchmal ein bisschen spöttisch als śloka-Brāhmaṇas bezeichneten Gelehrten) waren dafür berühmt, dass sie in fast jedem Satz mindestens zwei ślokas zitierten und der Meinung waren, dass alles, und immer, und unter allen Umständen so zu sehen ist, wie es die Veden vorschreiben. Einen Freiraum für Einzelschicksale lehnten sie entschieden ab und überwachten das Einhalten sämtlicher Vorschriften auf das Genaueste. Verwirrend war oft nur, dass sie sich gar nicht einig waren, was die Schriften über dies oder jenes aussagten oder wie die Verse letztendlich zu verstehen sind. Sunil atmete tief durch. Das würde noch ein hartes Stück Arbeit werden, Citragupta zu überzeugen. 
 
Da sich die Reisegesellschaft nirgends aufhielt und der Kutscher Order hatte, die Pferde nicht zu schonen, tauchte der Berg, zu dessen Fuß der See lag, schon bald zu ihrer Rechten auf. Einige Momente später umschmeichelte sie auch schon der von allen ersehnte Duft und schon bald streikten auch wieder die Pferde. 
 
Devavrata hieß den Kutscher ein Stück zurückzufahren und bat Sunil vorauszugehen. Alles war wie vor ein paar Tagen: der Duft, die Avaroabäume, der Weg zum See, das Spalier der Sonnenblumen (die heute tatsächlich einmal ausnahmsweise knallgelb waren), der Steg, das Floß, Satyavatī, die Floßfahrt, die Insel, die Hütte, der Fischer, die Begrüßung, die gegenseitigen Ehrerbietungen.
 
Selbst Sunil und Satyavatī standen an denselben Seiten des Eingangs und auch königlicher  Gast und Gastgeber standen fast genau an der gleichen Stelle (was angesichts der Winzigkeit der Hütte auch nicht sehr verwunderlich war). Und auch dass sich der Gast erhob, als er den Gastgeber ansprach, wiederholte sich in gleicher Weise, wie es sich schon vor ein paar Tagen zugetragen hatte.
 
„O Matsyarāja, ich danke dir für deine Gastfreundschaft. Ich weiß, dass mein Vater dich vor 
einigen Tagen aufgesucht hat und dich um die Hand deiner Tochter bat. Du hast seinem Ansinnen widersprochen, da er deine Bedingung nicht erfüllen konnte. Da deine Tochter bereit für eine Heirat ist und mein Vater seinen Wunsch zur Vermählung bereits verkündete, gehe ich davon aus, dass einer Hochzeit nichts im Wege steht, wenn du deine Bedingung erfüllt siehst.“
 
Da der Fischer sich leicht verbeugte und nickte, fuhr Devavrata unbeirrt fort: „So unterrichte auch mich über dein Begehr, welches so unüberwindlich scheint wie die acht Hüllen des Universums. Was konnte so außergewöhnlich oder so schrecklich sein, dass es mein Vater nicht erfüllen wollte? Er ist der Kaiser der Welt und in keiner Schlacht je bezwungen!“ Und da der Fischer noch etwas zögerte, versicherte Devavrata ihm: „Sprich, du hast nichts zu befürchten. Was immer deine Fesseln seien, ich werde dich nicht strafen. Du hast mein Wort.“
 
Wieder richte sich der Fischer langsam aus seiner gebückten Haltung auf und glich einer Pappel, die sich nach einem heftigen Unwetter reckt und streckt. „So sei es“, begann Matsyarāja, „o ehrenwerter Sohn der Gaṅgā. Mein Prinz, höret auch ihr von meiner Bedingung. 
 
O Rājakumāra, ich werde jetzt meine Worte wiederholen, die ich eurem Vater vorlegte und die er großzügig entgegen nahm: ‚O Nareśa, meine Tochter wird gern mit jenem in den heiligen Stand der Ehe treten, der uns garantieren kann, dass der Sohn meiner Tochter der neue Regent sein wird. Dies ist schon alles, was ich erbitte.’
 
So habt auch ihr nun vernommen, welche Bedingung der Gemahl meiner Tochter erfüllen muss. Könnt ihr das Leben dieser Bedingung garantieren, o Rājaputra, wird meine wunderschöne Tochter, deren Wohlgeruch unerreicht auf diesem Planeten ist, unseren König ohne jeden Vorbehalt und in Treue bis ans Ende ihrer Tage mit ihrem ganzen Herzen annehmen.“
 
Devavrata verstand sofort. Nicht Śantanus Alter, nicht seine leicht nachgelassene Kampfkraft, nicht seine Begrenzungen als Mensch oder dergleichen, hatten es Mahārāja Śantanu unmöglich gemacht, die Bedingung des Fischessers zu erfüllen. Die Liebe des Königs zu seinem Sohn verbot ihm, an die Sättigung des Wunsches zu denken. „Ich bin es, der dem Glück meines Vaters im Wege steht!“, begriff der Königssohn plötzlich das ganze Ausmaß des Dilemmas, „wegen mir leidet mein Vater. Deshalb will er mir nicht mehr ins Gesicht sehen. Deshalb all diese Ausreden!“
 
Für Devavrata war die Sache einfach – wenn er der Grund für die Unannehmlichkeiten war, dann musste er sie auch beseitigen. Auf das Recht, seinem Vater in der Verantwortung für das Königreich zu folgen, verzichtete er ohne Reue oder Grimm. Auch wenn er sich schon auf dieses Amt vorbereitet hatte, auch wenn die Brāhmaṇas und anderen Berater ihn schon in allem ausgebildet hatten, was er für seine Aufgabe wissen musste, auch wenn das Volk schon freudig den Tag seiner Inthronisation ersehnte, konnte er sich doch sofort mit seinem Verzicht anfreunden. Nur ganz entfernt schwang ein leises Bedauern, dass ein anderer in Zukunft der Regent in Hastināpura sein würde, in seinem Geiste mit.
 
Das vorherrschende Gefühl in seinem Geiste war Dankbarkeit. Denn wenn sich ihm solch eine goldene Gelegenheit bietet, seinen Vater zu ehren und ihm einen Wunsch zu erfüllen, dann musste der Prinz sie auch ergreifen. Eben noch hatte Devavrata einen Anflug von Unmut über diesen Fischer verspürt, da es des Fischers einfacher gesellschaftlicher Stellung nicht entsprach, solch eine weitgehende Forderung zu stellen. Doch als der junge Krieger begriff, dass genau dieser hochtrabende Wunsch es erst war, der ihm die Möglichkeit eröffnete, wirkliche Hingabe zu seinem Vater zu zeigen, hätte er den Fischer am liebsten sofort umarmt.
 
Mit heiterer, ja fast sich überschlagender, Stimme wandte er sich daher wie folgt an seinen zukünftigen Großvater: „O weiser Fischer, deine Bedingung ist wahrlich überraschend. In der Tat ist sie so außergewöhnlich, dass nicht einmal der Kaiser der Welt sie dir erfüllen konnte. Doch wisse, dass ich sie dir erfüllen kann! Ich bin es, der dir als Einziger versprechen kann, dass dein Enkel, der mein geliebter jüngerer Bruder sein wird, den kaiserlichen Thron besetzen darf. Er wird der wahre rājaputra sein. Ich verkünde hiermit vor dir und vor der ganzen Welt, dass ich allen Rechten auf die königliche Würde erlaube, sich an eine andere Person zu wenden!
 
Möge Kuvera, der Herrscher über den Reichtum der himmlischen Welten, und möge Yamarāja, der Herrscher über das Reich des Todes, bezeugen, dass ich dem Zepter und aller Macht entsage! Sei versichert, dass deiner Tochter Sohn sich Herrscher über Hastināpura nennen darf. Ihm allein gebührt der weiße Baldachin des Kaisers und ihm allein gebührt das Recht auf einen Platz auf den himmlischen Planeten.“ 
 
Matsyarājas Haare standen zu Berge. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Sein Hals schmerzte, seine Augen brannten, Schweiß tropfte ihm von der Stirn und für einen Moment fühlte er alle Sinneskraft entschwinden. Ihm schoss durch den Kopf, dass es sich zum Zeitpunkt des Todes wohl so ähnlich anfühlen muss. Was spielte das Schicksal für ein Spiel mit ihm? Seit seinem unvorsichtigem Wort seiner Frau Mandodarī gegenüber, als er ihr auf dem Totenbett versprach, dass ihr Enkel einmal der neue Herrscher in der Hauptstadt sein würde, hatte er sich gefragt, wie er es anstellen sollte, dieses Versprechen zu erfüllen.
 
Seit Jahren hatte er jeden Tag gelitten, wenn er seine schöne und kluge Tochter sah, die demütig jedes Abweisen der Werber duldete. Viele der Männer wären ihm genehm gewesen. Und als sie dann auch noch eines Tages mit diesem unvergleichlichen Duft nach Hause kam, von dem er bis heute nicht den Ursprung kannte, riss der Strom der Begehrenden gar nicht mehr ab. Aber niemand konnte ihm das Pfand erlösen.
 
Und dann tauchte endlich der Kaiser persönlich auf. Derjenige, der am Leichtesten den Wunsch seiner viel zu früh verstorbenen Frau hätte erfüllen können. Und der Kaiser war auch einverstanden, er wollte die Hand seiner Tochter in die seine legen und das heilige Feuer mit ihr umkreisen. Völlig unerwartet hatte sich also eine Gelegenheit ergeben, den innigsten Wunsch seiner Frau, der inzwischen auch sein innigster Wunsch und der seiner Tochter geworden war, zur Reife werden zu sehen. 
 
Doch dann musste selbst der Kaiser zurückstecken. Denn es gab einen Menschen, den er mit dieser Entscheidung verletzt hätte. Und eben jener Mensch stand nun vor ihm, bereit den Schwur einzulösen, den sein Vater nicht leisten konnte. Eben jener Mensch war bereit, auf Thron und Macht, auf Einfluss und Freuden zu verzichten. Sollte sich das Schicksal am Ende doch noch gnädig zeigen? Sollten die Götter am Ende doch noch ein Einsehen haben?
 
Noch war er nicht am Ziel, noch gab es ein weiteres Hindernis. „O Sohn einer Göttin, die ihresgleichen sucht, o Devānanda, eure Worte werden sich zweifellos als wahr erweisen. Ich zweifle nicht an eurem Eid. Eure Selbstlosigkeit ist ein hehres Beispiel für alle Menschen und ist selbst für die Bewohner der himmlischen Welten ein leuchtendes Fanal. Ich finde kaum Worte, um meinen Respekt auszudrücken, doch gestattet mir trotzdem einen Zweifel zu äußern.“
 
Devavrata spürte deutlich, wie sich seine Geduld langsam erschöpfte. Was um alles in den drei Welten wollte dieser Fischjäger denn noch! Ist er sich, trotz seiner großen Worte, immer noch unsicher, ob Devavrata zu seinem Versprechen stehen wird? Was wagte sich dieser Śūdra eigentlich! Wollte er jetzt doch noch mehr aus seiner Tochter Schönheit und Wohlgeruch herausschlagen? Wusste er denn nicht, dass Gier immer ein schlechter Ratgeber ist und noch nie auf Dauer das Herz eines Menschen erfreuen konnte?
 
Wenn er Devavratas Wort in Frage stellte, beleidigte er nicht nur den Prinzen, sondern auch die Mutter des Prinzen und den König. Keine dieser Beleidigungen war Devavrata gewillt, ohne angemessene Antwort hinzunehmen.
 
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