2.2.2 Die Ergänzungen von Vyāsadeva

Das bis dahin mündlich überlieferte Wissen der vedischen Schriften wurde vor fünftausend Jahren von Vyāsadeva, einem von Viṣṇu ermächtigten avatāra (śakti-āveśa-avatāra) geordnet und strukturiert, indem er z. B. das vedische Wissen in die als Ṛg-, Sāma-, Yajur- und Atharva-Veda bekannten vier Veden unterteilte.
Vyāsadeva verfasste darüber hinaus noch viele weitere Schriften, von denen die wichtig­sten das Mahābhārata, das Vedānta-sūtra und das Bhāgavata Purāṇa (besser als Śrī­mad-Bhāgavatam bekannt) sind. Er schrieb aber keine eigene Fassung des Rāmāya­ṇas nieder, sondern begnügte sich mit Zusammenfassungen, unter anderem im Ma­hā­bhārata und im Śrīmad-Bhagavatam. Des Weiteren findet sich von Vyāsadeva eine eigenständige Fassung des Rāmāyaṇas im Brahmāṇḍa-Purāṇa. In diesen rund 3.600 Versen des auch als Adhy­ātma-Rāmāyaṇa bekannten Werkes wird Rāma wesentlich deutlicher als bei Vāl­mīki als avatāra Viṣṇus beschrieben (siehe dazu auch Anhang 1, Fußnote 2 des ersten Kapitels).
So wie Vālmīki ein Zeitgenosse Rāmacandras war und der Autor selbst im Rāmā­yaṇa auftaucht, so war Vyāsadeva ein Zeitgenosse Kṛṣṇas und ist Teil der Handlung des Mahābhāratas. So wie Vālmīki von Brahmā und Nārada Muni ermächtigt wurde, die gesamte Handlung des Rāmāyaṇas zu kennen und in Verse zu fassen, so wurde Vyāsadeva direkt von Viṣṇu ermächtigt, die vedischen Schriften niederzuschreiben.

2.2.3 Das Rāmāyaṇa in seiner heutigen, schriftlichen Form

Wie schon beschrieben, sind für die Vaiṣṇavas die Ausführungen des Rāmāyaṇas glaubhaft. Sie folgen nicht der Theorie, dass sich zivilisiertes Leben erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt hätte. Sie gehen davon aus, dass Rāma tatsächlich vor Hunderttausenden von Jahren auf diesem Planeten erschien und wirkte.
Für den modernen Menschen sind solche Zeitspannen und die damit verbundenen Ereignisse zweifellos schwer nachvollziehbare Behauptungen.
Ein noch größeres Problem der Herangehensweise vieler Studierender mag darin liegen, dass sich in der akademischen Welt weitestgehend die Auffassung durchgesetzt hat, dass im Grunde nur ein nicht-gläubiger Mensch zu neutraler (und damit relevanter und wertvoller) Wissenschaft fähig sein könne. Wer zu Ruhm und Ansehen in der Welt des universitären Forschens kommen will, muss seine Hingabe zu einer Gottheit (wie immer sie auch heißen mag) besser für sich behalten, insbesondere, wenn diese Gottheit Züge einer menschlichen Person aufweist. Die in den Vaiṣṇava-Traditionen verwendeten Methoden der Beweisführung (als Stichwort möchte ich hier nur das System von guru-sādhu-śāstra nennen), werden von der deutlichen Mehrheit der akademischen Welt meistens (noch) nicht anerkannt.
 
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